Segelverein MARE INCOGNITA
Segelverein MARE INCOGNITA
  • TÖRN 2026
  • TÖRN 2027
  • SPAGHETTI 26
  • SCHIFF
  • BLOGBUCH
  • PHILOSOPHIE
  • VEREIN
  • KONTAKT
  • TÖRN 2026
  • TÖRN 2027
  • SPAGHETTI 26
  • SCHIFF
  • BLOGBUCH
  • PHILOSOPHIE
  • VEREIN
  • KONTAKT

Was bisher geschah –
​berichte von vergangenen Törns!

Nordlicht, Nebel, Nervenkitzel – 947 Meilen zwischen Tromsø und Spitzbergen

8/8/2026

0 Kommentare

 

Von Pascal Keel (Skipper) und Michael T. Ganz (Rewriting) Zwei Wochen Arktis, 947 Seemeilen, vier Mitsegler, die ich noch nie gesehen habe. Mit dieser Truppe soll es nach Spitzbergen gehen. Meine grösste Sorge im Vorfeld ist simpel: Reicht eine fünfköpfige Crew – mich eingerechnet – überhaupt für diese Überfahrt? Bei vielen Manövern braucht es auf der «Passage» drei bis fünf Hände an Deck, und wenn dann einer seekrank in der Koje liegt, wird es rasch knapp. Um es gleich vorwegzunehmen: Wir haben es nicht nur geschafft, wir sind sogar eine Route gesegelt, auf die ich richtig stolz bin.

Tromsø: Marathon und enger Hafen
Der Start könnte kaum passender, aber auch kaum stressiger sein: mitten in den Tromsø Midnight Sun Marathon hinein. Ab 15 Uhr sind die Strassen gesperrt, und der Weg zum Hafen wird zur Geduldsprobe. Zum Glück sind drei Crewmitglieder schon am Vortag angereist und haben den Einkauf besorgt, sonst wäre das Proviantieren zur eigenen Etappe geworden.
 
Die Wetterprognosen für die beiden langen Überfahrten – einmal 250, einmal 170 Seemeilen – sind alles andere als ideal. Um durchgehend sicheren Wind zu haben, müssten wir gleich am Samstag Richtung Bjørnøya los. Nur: Ich kenne meine Crew nicht, keiner ist zuvor je auf der «Passage» gewesen, einer ist überhaupt zum ersten Mal auf einem Segelboot. Sogleich loszulegen ist mir also zu riskant. Zudem zeichnet sich ein mögliches Wetterfenster für Mittwoch oder Donnerstag ab.
 
Also: eine Nacht im Hafen von Tromsø, mit reichlich Getümmel und Lärm statt mit Ruhe zum Schlafen. Am Sonntag geht es dann los. Zum Auftakt liefert Andi ein sauberes Hafenmanöver in einem viel zu engen Becken, um Diesel zu tanken – chapeau!
Die erste Etappe zeigt sogleich ihr wechselhaftes Gesicht. Zuerst rauscht die «Passage» vor 16 bis 22 Knoten Rückenwind durchs Flachwasser der geschützen Fjorde. Beim nächsten Wettercheck dann aber die Ernüchterung: Das Fenster für Mittwoch und Donnerstag sieht plötzlich winzig aus, zudem sind sich die Wetterdienste in ihren Prognosen völlig uneinig.
 
Sonntagnachmittag entscheiden wir deshalb spontan: sofort rüber nach Bjørnøya, bevor das Fenster ganz zumacht. Wachplan, zweieinhalb Meter Welle, 20 bis 25 Knoten Wind, dann Flaute und Flachwasser – Gelegenheit, etwas Schlaf nachzuholen, um anschliessend im nächsten Windfenster auf dem anderen Bug weiter zu segeln. Als Einstieg in den Törn ziemlich anstrengend und fordernd, rückblickend aber ganz sicher die richtige Entscheidung.
 
Bjørnøya: Nebel, Swell und Reparaturen
Bjørnøya, die Bäreninsel, taucht im Nebel vor uns auf. Erschöpft werfen wir erst einmal den Anker. Die Bucht ist zwar alles andere als ideal, aber Bjørnøya bietet fast nur schwach geschützte Ankerplätze, wenn man nicht gleich die ganze Insel umrunden will. Die «Passage» schaukelt die ganze Nacht. Dann stehen auch schon die ersten Reparaturen an: Anker, Ladegerät, Kommunikation.
 
Es folgen wie prognostiziert zwei windlose Tage mit leichtem Swell aus Osten, der unser Boot auch während der folgenden Nacht tanzen lässt. Die Meteo stellt ein zweites Überfahrfenster für Freitag in Aussicht: schwacher Wind, der wohl nicht direkt bei Bjørnøya, sondern etwas nördlich davon einsetzen wird. Der Plan ist somit klar: zuerst die Wetterstation auf Bjørnøya besuchen, dann die Überfahrt nach Spitzbergen wagen.
 
Den Besuch der Wetterstation erledigen wir schon am Vorabend. Am folgenden Morgen unternehmen wir eine wunderschöne Wanderung von gut 15 Kilometern quer über die Insel und wieder zurück – so haben alle auch mal wieder Bewegung. Geistig ausgeruht und körperlich angenehm müde kehren wir zur «Passage» zurück. Felix kocht noch eine Lasagne vor, dann legen wir Richtung Spitzbergen ab.
 
Rund 170 Seemeilen liegen vor uns. Wir starteten bei absolut flacher See und ohne Wind und erreichen nach rund fünf Stunden Fahrt unter Motor wie geplant das Windfenster. Die Prognose war korrekt: Der Wind legt pünktlich los, wir setzen die Tücher und segeln fast durchgehend, teils gut 50 Seemeilen von jeglichem Land entfernt.
 
Allmählich wird die See ruppiger, der Wind frischt auf. An der Südspitze von Spitzbergen bläst es dann schon ordentlich. Wir reduzieren die Segelfläche, so dass auch unser Stagsegel (Genua 4) mal wieder zum Einsatz kommt. Mittlerweile sind wir gut «eingesegelt», das Team funktioniert perfekt, und wir freuen uns riesig auf Spitzbergens in der Tat bergige Landschaft.
 
Hornsund: Gletscher (fast) zum Anfassen
Wir steuern den Hornsund an, den südlichsten grösseren Fjord der Insel mit mehreren Gletschern, die bis ins Wasser oder zumindest bis nahe ans Wasser reichen. Früher kalberten hier viele der Gletscher noch direkt ins Meer; über die Jahre haben sie sich zurückgezogen, einige sieht man heute nur noch vom Land aus, manche sind ganz verschwunden.
 
Das grosse Highlight im Hornsund: Wir ankern unmittelbar vor dem Gletscher und fahren am nächsten Morgen bis an die Gletscherkante heran – fast nah genug, um uns das Eis für den Drink abzukratzen. Aber nur fast, denn ein gebührender Abstand muss bleiben; zu gross ist das Restrisiko, dass plötzlich doch noch Eis herunter donnert. Trotz Abstand befinden wir uns theoretisch bereits zwei Meter weit in unkartographiertem Land.
 
Wir besuchen eine zweite Gletscherkante aus nächster Nähe und haben das Glück, eine Bartrobbe zu sehen, die faul auf einer Scholle liegt und sich auf ihrem schwimmenden Stück Land ausruht. Im Hornsund ist das Segeln zwar zweitrangig, häufig läuft der Motor; aber hier geht es vor allem um die Landschaft, die wir in vollen Zügen geniessen.
 
Bellsund: Eisbären! Oder etwa doch nicht?
Das nächste Wetterfenster nutzen wir für den Besuch des Bellsunds. Er unterscheidet sich deutlich vom Hornsund: viel weniger Eis, viel weniger Gletscher, dafür fast schon grüne Berge, die nicht mehr ganz so karg wirken.
 
In der ersten Ankernacht macht die «Passage» keinen Wank – so gut geschützt ist die Bucht. Felix wacht als Erster auf, steigt ins Cockpit hoch, kommt gleich wieder rein und ruft: «Wir haben Eisbären! Eisbären an Land!» Selten habe ich eine Crew derart schnell aus den Kojen schiessen sehen; aufstehen, anziehen, raus – alles in Rekordzeit. Dann stellte sich jedoch ziemlich bald heraus: Es sind keine Eisbären, sondern Rentiere, etwa zehn Stück, die friedlich in der arktischen Tundra grasen, offensichtlich völlig sorgenfrei und ohne Angst vor Eisbären.
 
Danach geht es in den hintersten Winkel des Bellsunds. Dort liegt eine verlassene Mine, die wir uns anschauen wollen. Wir fahren rund 20 Seemeilen tief in den Fjord hinein, der aussen von einer Querinsel verschlossen wird, die sich fast über die ganze Breite der Fjordöffnung erstreckt. Man fühlt sich fast wie auf einem See. Wir segeln mit Vorwind über flaches Wasser, für mich erstmals«Gennaker only».
 
Zuhinterst verengt sich die Bucht zum Ausfluss eines Gletschers. Die Tiefenangaben auf der Seekarte stimmen hier nicht, unser Ankerplatz ist deshalb alles andere als optimal, wir liegen zwischen Wind und Strömung. Die Nacht bleibt trotzdem einigermassen ruhig, mit ordentlich Kette hält der Anker einwandfrei.
 
Nur: Wir liegen weit weg vom Land. Und als am nächsten Morgen – wir sind extra früh aufgestanden – der Dinghy-Motor nicht so will wie wir, fällt der geplante Landausflug ins Wasser. Kaum sind wir (glücklicherweise gegen die Strömung) losgefahren, steht der Aussenborder still, und wir paddeln (glücklicherweise mit der Strömung) zurück zur «Passage».
 
In der Zwischenzeit ist der Wind komplett eingeschlafen. Wir werfen den Diesel an und machen uns auf den Weg. Unterwegs begegnen wir einem Forschungsschiff, das wir aus Neugier anfunken – wie kalt das Wasser sei und woran sie forschten? Die Antwort bleibt sehr allgemein. Als Captain eines Forschungsschiffs hier oben unterwegs zu sein ist sicher kein schlechter Job.
 
Barentsburg: russische Enklave mit Exklusiv-Bar
Die 70-Meilen-Überfahrt nach Barentsburg ist angenehm: ordentlich Wind, wenig Welle – endlich können wir mal richtig aufkreuzen. So lernt Reto, der zum ersten Mal segelt, was Aufkreuzen überhaupt ist. Erst kurz vor 22 Uhr erreichen wir Barentsburg und gönnen uns einen ausgiebigen Landspaziergang. Als einzige Gäste besuchen wir dann noch die Dorfbar. Eigentlich ist sie  schon geschlossen, doch der Barmann hat ein Einsehen und schliesst für uns nochmals auf. Aus Neugier buchen wir auch gleich das Frühstück im benachbarten Hotel.
 
Barentsburg ist eine russische Enklave und wird ausschliesslich von russischen Staatsangehörigen betrieben. Das Dorf bietet wenig, macht aber trotzdem sehr deutlich, dass es bleiben will und bleiben wird. Etwas Tourismus gibt es schon: Ein, zwei Schiffe kommen täglich von Longyearbyen herüber. Immerhin wartet Barentsburg mit dem nördlichst gelegenen 50-Meter-Schwimmbecken und einem Fitnesscenter auf, dies bei gerade mal rund 350 Einwohnern.
 
Wir besuchen die Barentsburger Polarfüchse, ein kleines Rudel von fünf Tieren, herrlich verspielt und ziemlich zutraulich. Sie sind mitten im Fellwechsel: ein paar weisse Flecken noch, der Rest schon braun – das lässt sie fast noch wilder aussehen als sonst. Und das Frühstück am nächsten Morgen? Okay, mehr aber auch nicht. Unser Bordfrühstück ist eindeutig besser und vor allem billiger. Barentsburg ist teuer: Eine Übernachtung im Hotel kostet rund 200 Euro. Nun, das Erlebnis, als einzige Gäste im russischen Frühstücksraum zu sitzen, ist den Preis allemal wert.
 
Pyramiden: Lost Place mit Kohle und Rost
Weiter geht’s nach Pyramiden. Die ehemaligen russische Bergbausiedlung wurde kurioserweise ursprünglich nicht von Russland erbaut, sondern von Schweden, und später an Russland verkauft. In den besten Zeiten lebten hier rund tausend Menschen. Heute sind es noch etwa 20 Einwohner, die den Tourismus am Laufen halten. Im Hotel von Pyramiden testen wir das Abendessen, das definitiv besser daherkommt als das Frühstück in Barentsburg.
 
Pyramiden ist ein spezieller, ja fast schon surrealer Lost Place. Es hat etwas Unheimliches, zwischen den vielen leeren Häusern zu flanieren und die eingefrorene Zeit zu spüren. Den Bergbau von damals sieht man dem Ort heute noch an. Da und dort liegt noch etwas Kohle herum. Aktiv abgebaut wird aber längst nichts mehr, die Bergbaugebäude sind verlottert und rosten vor sich hin. Ein eindrückliches Bild.
 
Starlink sei Dank dürfen wir am nächsten Morgen in der Frühe den WM-Sechzehntelfinal Schweiz-Algerien verfolgen – auf 78° 38' Nord vermutlich als nördlichste segelnde Zuschauerschaft dieses Fussballspiels. Dann liegt noch die letzte Überfahrt vor uns. Ein wunderbar ausgeglichener Tag, teils unter Segeln, teils unter Motor, führt uns in den Hafen von Longyearbyen. Im Mary Ann’s feiern wir das Ende des Törns mit einem richtig guten Abendessen. Am Samstagmorgen bringen wir die «Passage» auf Vordermann und übergeben sie der nächsten Crew.
 
Fazit: Warum die Reise so besonders war
Rückblickend war die Reise für mich aus zwei Gründen etwas sehr Besonderes. Erstens ist aus fünf Menschen, die sich zuvor nicht kannten – einem Berner, einem Solothurner, einem Zürcher, einem Walliser und einem Aargauer –, in zwei Wochen eine eingespielte Crew geworden, die eine tolle Leistung vollbracht hat. Zweitens habe ich unterwegs noch viele andere spannende Menschen getroffen. Zum Beispiel Ben, einen Schweizer, der nach Tromsø ausgewandert ist, weil ihm der Winter dort so gut gefällt und er eine gute Work-Life-Balance gefunden hat. Oder Matt, einen Dänen, den es nach Grönland verschlagen hat, der jetzt dort überwintert und gerade ein wunderschönes Stahlschiff herrichtet, mit dem er künftig selbst Seereisen anbieten will.
 
Auf Bjørnøya habe ich eine Zahnärztin kennen gelernt, die für ein halbes Jahr dort arbeitet. Die Welt ist klein: Sie kennt sogar ein paar meiner Kunden. Ursprünglich Isländerin, ist sie erst nach Norwegen und dann nach Longyearbyen ausgewandert – und geniesst das Leben dort mit ihren Kindern. Auf der Rückreise stehe ich am Flughafen-Check-In neben Steffi. Sie und ihr Mann betreiben seit über zehn Jahren ein Segelschiff und verchartern Kojen – meistens in Norwegen, dieses Jahr zum ersten Mal in Spitzbergen. Als Nächstes steht dann wohl irgendwann Grönland an – die «Passage» lässt grüssen.
 
Im Flughafen von Oslo schliesslich spricht mich rein zufällig noch der Kapitän eines kleinen Kreuzfahrtschiffs an. Er geht für zweieinhalb Monate nach Spitzbergen und bietet dort eher luxuriösere Reisen an. Der Nebeneffekt unseres Gesprächs: Ohne ihn wäre ich zum falschen Radisson-Hotel gelaufen, denn der Flughafen Oslo hat gleich zwei davon, ein rotes und ein blaues.
 
So bin ich am Ende nicht nur eine grossartige Route gesegelt, sondern habe auch gewaltige Landschaften erlebt, allerlei Tiere – Delfine, Robben, Wale, Walrösser, Rentiere, Polarfüchse und Vögel – gesehen und mit interessanten neuen Bekanntschaften Telefonnummern getauscht. Man weiss ja nie, was die Zukunft bringt.
 ​
0 Kommentare



Antwort hinterlassen

Proudly powered by Weebly